Nur die sind glücklich auf der Welt, die in Freiheit eines weiten Horizontes sich erfreuen.

Der Satz stammt aus dem alten Indien, er wird einer Krishna-Erscheinung zugeschrieben. Mir gilt er als Urgewißheit einer Menschheit, die die ganze Erde bewohnt und nicht hinter kleinlichen Grenzen sich verschanzt.

Nur die sind glücklich auf der Welt, die in Freiheit eines weiten Horizontes sich erfreuen.

Wer je über Land reiste, wer je beim Wandern versuchte, das Gehen wiederzuentdecken, hat irgendwann früher oder später genau diese Erfahrung machen können: Der Horizont weicht vor uns zurück. Je näher wir ihm zu kommen hoffen, in um so fernere Weiten entflieht er. Andererseits können selbst Kerkermauern den Horizont des Glücklichen nicht begrenzen. Und schon immer haben sich verzweifelte Versuche von Machthabern als wirkungslos erwiesen, durch Sperrung etwa von hohen Bergen Blick und Horizont zu begrenzen. Freiheit und Weite des Horizontes haben sich noch immer als innere Werte eines glücklichen Menschen erwiesen.

Nur die sind glücklich auf der Welt, die in Freiheit eines weiten Horizontes sich erfreuen.

Der amerikanische Dichter und Philosoph Henry Thoreau, bei dem ich den nun dreifach zitierten Satz gefunden habe, meint dazu ganz lakonisch, unser Horizont stößt niemals ganz dicht an unsere Ellenbogen. Habe ich diesbezüglich auch bei manchen unserer Zeitgenossen so meine Zweifel, wird die Malerin Petra Schade diesen Satz sicher gern bestätigen. Ihre Ellenbogen sind unversehrt und, so weit sie auch bisher schon reiste, noch nie mit ihrem Horizont in Konflikt geraten. Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt, hat sie vielmehr die Weite geatmet und das Erlebnis, das Licht und den Duft der Ferne verinnerlicht.

Im Gefolge von Thoreau hat sich Petra aber auch anregen lassen, nach dem einfachen Leben zu suchen und danach, was in diesem Leben wirklich wichtig sein könnte. Dem Dichter erschien schon vor hundertsechzig Jahren das Treiben innerhalb der Industriegesellschaft als zu laut und zu oberflächlich. In einem zweijährigen Selbstversuch fand er bestätigt, daß die vorgeblichen Wünsche der von Werbung und Konsumzwang zu Verbrauchern degradierten Menschen weit an deren tatsächlichen Lebensbedürfnissen vorbeigehen. Er fand sogar, daß sie die Suche nach den richtigen Leben verhindern konnten und sollten. Trotz seiner vielbeachteten Schrift, Walden, oder das Leben in den Wäldern ist die Welt seither noch um ein Vielfaches lauter und oberflächlicher geworden.

Die Malerin begegnet dem mit Stille und Innerlichkeit.

Lange, intensive und stark entschleunigte Wanderungen in der Natur führen sie allmal zu sich selbst. Über Land fallen innere Spannungen von ihr, ab und sie kann frei atmend die Schöpfung genießen wie am ersten Tag. Hier spürt sie deren heilende Kraft, hier erlebt sie die Freiheit des weiten Horizontes, hier ist sie in einem ganz ursprünglichen Sinne glücklich.

Thoreauschem Sein innerlich verwandt, sieht sie sich im direkten Kontakt mit den Elementen dem Leben am tiefsten verbunden. Nur Pflanzen vermögen es, Steine zum Leben zu erwecken, wir anderen sind von Anfang an auf anderes Leben angewiesen. In besonderer Weise zeigt sich Petra von historischen Orten fasziniert, die von Ewigkeit zu Ewigkeit Spuren menschlichen Seins, menschlichen Hoffens und Liebens bewahren. In Gedanken verbindet sie Orte und Gegenstände mit dem belebenden Geist und sieht hinter allem das Mühen verflossener Generationen.

In diesem Jahr führte die Sehnsucht nach Natur und Stille die Familie auf die Insel Korsika. Die zehn jüngsten Bilder dieser Ausstellung sind erste Früchte dieser Reise. Unter ihnen erzählt eines von den megalithischen Menhiren aus Filiposa, Jahrtausende alten mannshohen Steinblöcken mit eingehauenen Gesichtern, deren überwältigendem Eindruck sich auch Petra nicht entziehen konnte.

In schnellen aber genauen Skizzen, manchmal auch in kleinen Aquarellen hält Petra vor Ort erste Eindrücke fest. So bewahrt sie die Stimmung des Augenblicks. Wie Fundstücke, besondere Steine, Hölzer oder Muscheln, dienen sie später der Erinnerung und den Bildern. Die Bilder entstehen dann zu Hause im Atelier.

Das Sehen entscheidet über die Güte eines Bildes. Es schult sich beim Malen. Doch nicht Wiedererkennbarkeit oder Detailtreue zeichnen ein gutes Bild aus, sondern seine innere Wahrheit. Ein Bild ist wahr, wenn die Malerin geduldig und ehrlich ist. Sie muß warten können, bis ein Bild in ihr gereift ist.

Ist die Zeit gekommen – und die Zeit der ersten Korsika-Bilder ist, wie wir sehen können, sehr schnell gekommen – erinnert die Malerin Gesehenes mit großer Genauigkeit, und sie bereichert es durch Gedanken, Gefühle und Erfahrungen.

Getragen von liebender Betrachtung spiegeln ihre Bilder das Erlebnis Natur auf ganzheitliche Weise. So geraten Petras realitätsnahe Landschaften mehr und mehr zu inneren Bildern, indem sie die erfahrenen Heilkräfte der Natur zur Kunst verdichtet. Darin liegt zugleich die expressive Kraft ihrer eher verhalten erdgebundenen Farbigkeit.

In der Landschaft abgestaubte farbige Sande und Erden werden unter Petras Händen zu Pigmenten. Diese mit Acryl angerührten, mehr oder weniger grobkörnigen Naturfarben verleihen den Bildern mit ihrer Plastizität eine besondere Haptik. Aus aller Herren Länder hat sich die Malerin ihre Erinnerungssedimente mitgebracht, die sie zu Hause zu Bildern verarbeitet. Daß sie es dabei mit der topografischen Genauigkeit nicht so ganz genau nimmt, daß sie manches liebe Mal Sand aus Frankreich oder Tunesien auf Bildern von Italien oder Kroatien oder eben Korsika verwendet, sei ihr nachgesehen: haben über Land die Erden jede ihren angestammten Platz, brauchen die Bilder nach eigenen Gesetzen eigene Farben, die wieder eigene Klänge nach sich ziehen.

Als Petra zu Jahresbeginn den Titel ihrer Ausstellung über Land nannte ahnte sie noch nicht, daß mit Benni der Cellist des Duos LandÜber musikalisch durch die Ausstellung führen würde. Es ist in der Kunst wie im Leben, meist findet doch zusammen, was zusammengehört.

Das Glück der Freiheit eines weiten Horizontes wird der Malerin auf ihren Wanderungen über Land, sei es in den heimatlichen Gefilden zwischen Moritzburg und Radeburg, sei es auf dem Rügener Mönchsgut oder auf Reisen über Ländergrenzen hinweg, immer wieder neu bewußt. Mal ist es ein großartiges Panorama, mal die Sicht auf ein Stück Mauer oder einen Brückenbogen, mal der Blick in die Tiefe der Vergangenheit, was sie zum Innehalten anregt. So wird sie zu ihren Bildern geführt, die still und eindrücklich zeigen, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Thomas Gerlach, August 2018

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